«Öko-Zauber» auf der Mammut-Schule
Der Stadtrat behauptet, die heutige Rasenfläche der Leichtathletikanlage Telli biete «keinen grossen Mehrwert für das Stadtklima». Künftig seien nur noch 14 statt 41 Prozent versiegelt, die kleinere Freifläche aber «deutlich wertvoller». Die städtische Grafik und die Visualisierung der geplanten Anlage zeigen, worauf diese Rechnung beruht — und wo sie die Realität verlässt.
Fakt: Der Stadtrat vergleicht Äpfel und Birnen: Ein Gebäude mit begrüntem Dach (versiegelte Fläche, nicht versickerungsfähig) ist keine Wiese (nicht versiegelt, versickerungsfähig), ein allfälliger Kühleffekt auf einem Gebäudedach hat für die Menschen am Boden nicht den gleichen Kühleffekt wie eine unversiegelte Spielwiese.
Ein Blick hinter die Propaganda-Kulissen
Heute: Bahn, Hartplatz und Asphalt zählen als versiegelt. Der Sportrasen gilt nur als «sickerungsfähig», nicht als «biodivers».
Geplant: Die Schulgebäude-Dächer mit PV-Anlagen (!!!) sind dunkelgrün — und landen damit in der bestmöglichen Ökologie-Klasse (wie eine biodiverse Wiese!).
1. Der Kniff steckt in der Legende
- Rot («unwirksam»): Tartan, Sand, Asphalt, überdachte Flächen.
- Hellgrün («sickerungsfähig»): Spielfeld/Rasen, Rasengitter, Kieswege.
- Dunkelgrün («biodivers»): Wiese und Dachflächen mit PV-Anlagen (und ein paar Pflänzli dazwischen).
Der heutige Fussballrasen bleibt in der Mittelklasse. Die künftigen Solardächer steigen auf in die Topklasse! Propaganda der Extraklasse.
2. Ein Gründach ist kein Boden
Unter jedem Gründach liegt eine dichte Abdichtung. Wasser erreicht den gewachsenen Boden nicht. Es gibt keinen Anschluss für Bäume, Regenwürmer, Kleinsäuger. Fachlich gehören Gründächer in einen eigenen Topf — sicher nicht in die Kategorie «Wiese».
3. Kühleffekt: auf dem Dach, nicht auf dem Platz
Stadtklima zählt dort, wo Menschen gehen, spielen und Pause machen — auf Fussbodenhöhe. Eine Wiese wirkt in genau dieser Schicht. Ein Gründach verdunstet Wasser viele Meter höher.
Allfällige Kühleffekte auf Dachhöhe bringen herzlich wenig, wenn das Gebäudevolumen darunter die Wärme speichert. Die Neubauten werden genau dort unerwünschte Wärme abstrahlen, wo sich Menschen am Boden aufhalten. Verloren geht der Flächenkühleffekt einer offenen, unversiegelten Spielwiese. Die Klimakarte des Kantons Aargau zeigt diesen Effekt eindrücklich.
4. «Intensiv begrünt» und «voll mit Solar» passt selten zusammen
Intensive Begrünung braucht dickes Substrat und höhere Pflanzen. Dichte Photovoltaik braucht niedrige Vegetation, sonst verschatten die Pflanzen die Module. Praxis und Studien beschreiben deshalb auf Solargründächern vor allem niedriges Sedum — keine artenreiche Intensivwiese.
Die Visualisierung der geplanten Anlage zeigt die neuen Schultrakte als helle PV-Dächer, nicht als dichte Intensivbegrünung. Die Ökografie und das Wunschbild widersprechen sich.
5. Was die Grafik nicht zeigt
- Graue Energie der Schulneubauten.
- Ob die Dächer tatsächlich intensiv und ökologisch wertvoll begrünt sind, oder ob dann bei der Realisierung einfach «PV mit Sedum-light» realisiert wird.
- Wurzelraum für die versprochenen Schattenbäume.
6. Die Bäume: Wertvoller Altbestand gegen Wunschbild
Heute: unregelmässige Kronen, echte Schatten. Die Baumreihe südlich der Bahn ist alt und durchgehend.
Geplant: viele gleich grosse, blasse Kronen-Symbole. Dicht wie eine Hecke — nicht wie ausgewachsene Stadtbäume.
Was heute steht und weichen müsste. Südlich der Laufbahn steht eine geschlossene Reihe ausgewachsener Bäume mit grossen, unregelmässigen Kronen. Weitere starke Bäume stehen westlich der Bahn, zwischen Hartplatz und Mehrzweckhalle sowie am Parkplatz. Das sind keine Jungpflanzen: Sie werfen auf dem Luftbild lange Schatten und haben Kronendurchmesser, die zu jahrzehntealten Stadtbäumen passen. Genau diese Standorte sollen überbaut werden.
Was die Visualisierung tatsächlich zeigt. Entlang der Grundstücksränder und um die Neubauten liegen Dutzende fast identischer, hellgrüner Kronen. Abstand und Grösse sind gleichförmig — typisch Copy-Paste aus der Visualisierungsbibliothek, nicht ein realistischer Baumbestand. Wären das wirklich grosse Bäume (Krone 10–15 m), würden sie sich überlappen und in die Fassaden wachsen. Passt die Dichte, so sind es Sträucher oder Jungbäume.
Grosse Bäume brauchen durchwurzelbaren Boden: grob 12–36 m³ unverdichtetes Substrat, Abstand zur Fassade, oft keinen Keller darunter. Die Reststreifen zwischen Schulhaus, Parzellengrenze und Wegen reichen dafür nicht, wenn man die gezeichnete Dichte ernst nimmt. Der Stadtrat rechnet aber genau mit «schattenspendenden Bäumen» als Klimagewinn.
Der ökologisch wirksamste Bestand — alte Bäume am Boden — wird stark dezimiert oder ganz eliminiert. Ersetzt wird er in der Propaganda-Broschüre durch Symbole, die als ausgewachsener Wald gelesen werden sollen, als Pflanzplan aber höchstens eine dichte Jungpflanzung oder Strauchkulisse zulassen.
Konklusion: Weniger Tartan und Asphalt wäre zwar ökologisch ein Gewinn, der allerdings mit der kompletten Zerstörung einer vollwertigen, überregional genutzten Leichtathletikanlage erkauft wird. Komplett falsch ist zudem die Gleichsetzung «Mammut-Schule mit PV-Anlage = Wiese» und die Behauptung, die Sportanlage Telli sei klimatisch fast wertlos. Die Tatsache, dass der Verlust alter Bäume kaschiert wird, passt ins Bild.
Quellen
- S. Brenneisen / J. Käppeli: «Das Biodiversitätsgründach» (Neue Landschaft) — direkte Zahlen Extensiv- vs. Solargründach; Abschnitt «Solar-Gründach versus Biodiversität?».
- Schindler et al., 2018: Green roof and photovoltaic panel integration (Journal of Environmental Management) — PV auf Gründach erhöhte die Pflanzendiversität nicht, senkte zeitweise die Arthropoden-Häufigkeit.
- ZHAW / Raum Basel: Kombinationsanlagen Extensivbegrünung und Solar — PV und Gründach schliessen sich nicht aus, ersetzen aber keine Bodenwiese.
- BuGG-Fachinformation Biodiversitätsgründach — Artenzahl steigt mit Substratdicke; Sedum-Dächer bleiben die schwächste Variante.
- Sparkling Science: Lebensraum Gründach — Biomasse und Diversität auf Dächern «deutlich geringer als auf Wiesen».
- Stadt Heidelberg: Leitfaden Dachbegrünung und Photovoltaik, 2024 — intensive Begrünung und maximale PV-Belegung sind unterschiedliche Dachtypen.